Über “aire”

 

Die Gedichte in aire interessieren sich für innere und äußere Umbrüche, disruptive oder allmähliche Veränderungen – für die dadurch ausgelöste spezifische Unruhe; für die allmähliche Integration von Sinneseindrücken, Gefühlen, Gedanken-und Erinnerungsspuren; und für deren Transformation zu neuen Erfahrungen. Die poetischen Prozesse, die sie entwickeln und denen sie sich aussetzen, sind Unternehmungen in unbekanntes oder instabiles Terrain. Reize und Eindrücke, die vertraut erscheinen, wandeln und entziehen sich, geraten aber nie ganz aus dem Blick. Die Gedichte durchwandern Lichtungen und Wüstungen der Erfahrung, ikonische Bildschichten, stoßen auf Schamquellen, stellen sich Verlusten, trotzen dem Unbewussten neues Gebiet ab – und setzen auf die Erfahrung erweiternde und transformierende Kraft der Kunst.

aire erscheint im Frühjahr 2021 bei kookbooks.

 

Nico Bleutge, DLF Kultur, 21.8. 2021

„Aire“, wie der Titel des Buches lautet, ist ein Wort, das man in verschiedenen Sprachen finden kann. Es versammelt so unterschiedliche Bedeutungen wie „Luft“, „Fluss“ oder einfach nur „Platz“. Von daher passt es ideal zu den sehr offenen Bedeutungsfächern von Kreipes Versen. Es gibt in diesem Band großartige Verse, die Metamorphosen inszenieren, das kann ein gewöhnlicher Umzug genauso sein wie eine schwere psychische Erkrankung.

Oder ein Gleiten durch die Meereswelt des eigenen Bewusstseins. Hier richten sich „ohrenquallen“ auf, „lauschen / in ihrem schlecht leitenden medium“. Und inmitten dieser Sphäre wird eine Bewegung spürbar, „als arbeiteten tausend flügel im wasser“.

Traumbilder und sprachliche „glutnester“

Am intensivsten aber wirken die Gemäldegedichte nach. Gleich drei Zyklen gelten der Künstlerin Francesca Woodman, die sich 1981 mit gerade 22 Jahren in New York das Leben nahm. Woodmans Schwarz-Weiß-Ffotografien, die in harten und genau komponierten Figurationen fast immer den eigenen Körper inszenieren, übersetzt Kreipe in sprachliche Gefüge aus Fragen, Bildblitzen und rhythmischen Verschiebungen.

Mal schwingt im Hintergrund Inger Christensens „Schmetterlingstal“ mit, mal eine Melange aus antiken Mythen. Stets aber gelingt es Kreipe, psychologische Fachsprache mit eigenen Findungen so zu verschränken, dass die Verse bisweilen selbst wirken wie „skizzen / leicht in die luft geworfen“.

Das zeigt sich vor allem in den Gedichten zu Gerhard Richters „Park“-Serie. Wo Richter Fotografien durch Übermalung in abstrakte Formationen verwandelt, nutzt Kreipe die abstrakten Gebilde, um konkrete Dinge und Wesen zu imaginieren, „gottesanbeterinnen“ etwa oder „reste von staubblumen-vögeln“. Wie sie aus Richters Farbflächen psychische Landschaften herausarbeitet, ist eine Kunst für sich. In ihren Rhythmen überlagern sich die Unruhe dieser pandemischen Zeit, Traumbilder und sprachliche „glutnester“ zu einem „allerorts brennenden mai“.